Interview mit Tobias Naumann, Chief Financial Officer der Âé¶¹Ô´´ Deutschland, über den Wandel der CFO-Rolle, wie Künstliche Intelligenz bei der Bewältigung dieses Wandels hilft – und warum der Mensch dadurch keinesfalls entbehrlich wird.
Niemand diesseits des Rentenalters dürfte sich an einen Zeitraum erinnern, der mehr Verwerfungen und Unsicherheiten mit sich gebracht hätte als die zurückliegenden sechs oder sieben Jahre: Auf die Corona-Pandemie folgten der Ukraine-Krieg und die Krisen im Nahen Osten, hinzu kamen die neue Rolle der USA und der rasante Aufstieg der Wirtschaftsmacht China. Vorstände von Unternehmen – und längst nicht nur der Exportierenden – müssen schneller und nachhaltiger denn je reagieren können. Das gilt auch und vor allem für CFOs, für die Finanzvorstände. Im Rahmen einer von Âé¶¹Ô´´ in Auftrag gegebenen Studie wurden weltweit 480 von ihnen zum Wandel ihrer Rolle befragt.
Über die Ergebnisse sprachen wir mit Tobias Naumann, Chief Financial Officer der Âé¶¹Ô´´ Deutschland SE & Co. KG, darüber, wie sich sein eigener Job in den zurückliegenden Jahren verändert hat, wie Finanzvorstände insgesamt die aktuellen Herausforderungen mit Erfolg bewältigen können – und warum Künstliche Intelligenz dabei eine zentrale Rolle spielt.
Tobias Naumann
ist seit Juli 2023 Chief Financial Officer und Mitglied der Geschäftsleitung von Âé¶¹Ô´´ Deutschland. Nach seinem Jurastudium begann er 2010 seine Karriere als juristischer Fachreferent eines Unternehmerverbandes, bevor er im Dezember 2011 zu Âé¶¹Ô´´ kam. Seit März 2014 war er in verschiedenen Finance-Positionen im In- und Ausland tätig.
Als Chief Financial Officer der Âé¶¹Ô´´ Deutschland legt er heute den Fokus auf Business Partnering, Deal Support und die strategische Ausrichtung der Finanzorganisation.
Wie hat sich die Rolle von Finanzvorständen in den zurückliegenden Jahren gewandelt?
Tobias Naumann: Über viele Jahre waren CFOs hauptsächlich oder ausschließlich mit Finanzplanung und –berichterstattung beschäftigt. Diese Zeiten sind vorbei, heute reicht ihr Einfluss weit darüber hinaus. Im Rahmen unserer aktuellen Befragung berichteten fast 90 Prozent der CFOs, dass sie stärker in die digitale Transformation und das Risikomanagement eingebunden sind als noch vor drei Jahren. Und das bedeutet, dass sie heute Wesentliches zu Entscheidungen beitragen, die sich auf Kunden, Produkte und Mitarbeitende auswirken. Es wird von ihnen erwartet, dass sie Verwerfungen bereits im Vorfeld erkennen, Risiken mindern und agiles Handeln ermöglichen.
Welche Instrumente helfen CFOs dabei, diese hohen Erwartungen zu erfüllen? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?
Tobias Naumann: Finanzvorstände müssen ihre Blickrichtung ändern. Traditionell schauen wir ja vor allem nach hinten, fragen uns, wie das zurückliegende Quartal gelaufen ist und was sich daraus ableiten lässt. Mittlerweile steht aber eine szenarienbasierte und zukunftsgerichtete Betrachtung im Vordergrund, die auch geopolitische Daten und Fakten einbezieht. Natürlich ist es nicht neu, in Szenarien zu denken, aber heute sind die Prognosen, die sich daraus ableiten lassen, viel zuverlässiger, weil die Qualität und Verarbeitungsgeschwindigkeit von Daten, auf denen die Berechnungen fußen, um ein vielfaches besser ist als noch vor wenigen Jahren.
Welche Rolle spielt KI für die Qualität der Prognosen, welche neuen Instrumente bekommen CFOs durch sie in die Hand?
Tobias Naumann: Sie bekommen genau die Instrumente, die sie sich am sehnlichsten wünschen, jene, die ihre Unsicherheit lindern. Während 90 Prozent der CFOs – so ein weiteres Ergebnis der erwähnten Studie – zuversichtlich sind, ihre anvisierten Umsatzziele zu erreichen, äußern lediglich 37 Prozent eine solche Zuversicht bezüglich ihrer Liquiditätsziele. Dabei bereitet den Finanzvorständen nicht der Anstieg der Kosten das größte Kopfzerbrechen, sondern deren maximale Unberechenbarkeit. Mieten können sich erhöhen, Rohstoffe und Vorprodukte werden teurer, es fallen Abschreibungen an, verursacht durch Insolvenzen im Kundenkreis: All das sorgt für Unsicherheit bezüglich der Geschäftsergebnisse. Eine KI-gestützte Szenarioplanung ermöglicht hier eine schnelle, detaillierte Modellierung, und aus operativen Echtzeitdaten lassen sich vorausschauende Risikoindikatoren ableiten.
Um solche Instrumente zuverlässig nutzen zu können, benötigen CFOs aber auch neue, zusätzliche Skills. Gleichzeitig sollen sie weiterhin ihrer traditionellen Rolle gerecht werden, müssen die aktuelle Rentabilität ihres Unternehmens sicherstellen. Wie schaffen es Finanzvorstände, all das unter einen Hut zu bringen?
Tobias Naumann: In diese neue Rolle können sie nur Schritt für Schritt hineinwachsen. Das war auch bei mir so. Als ich vor circa drei Jahren als CFO von Âé¶¹Ô´´ Deutschland anfing, hatte ich eine ganze Reihe von weißen Flecken, die ich noch schließen musste. Damit dies gelingt, braucht es interessanterweise nicht zwingend ein Wirtschaftsstudium. Circa 40 Prozent der im Rahmen der Studie befragten Finanzvorstände haben keine klassische BWL-Ausbildung. Ich bin von Haus aus Jurist.
Was in unserem Job heute vor allem hilft, ist die Fähigkeit zur ganzheitlichen, zu einer End-to-End-Betrachtung der Finance-Funktion. Und auch dabei helfen uns KI-Anwendungen enorm.
Wie genau?
Tobias Naumann: Ein Beispiel ist das Risikomanagement. Âé¶¹Ô´´ hat zuletzt Golden Hedge vorgestellt, einen KI-Agenten, der Währungsrisiken beurteilt und Handlungsempfehlungen gibt. Ein anderer Agent, an dem Âé¶¹Ô´´ arbeitet, vergleicht zum Beispiel die aktuelle EU-Regulatorik mit der Compliance-Policy eines Unternehmens und macht Vorschläge für notwendige oder empfehlenswerte Anpassungen. Je tiefer solche KI-Agenten in die Systemlandschaft integriert sind, desto besser funktionieren sie natürlich.
Welche Rolle spielen die Menschen künftig in Finanzabteilungen, die sich einer Vielzahl von KI-Agenten bedienen? Werden sie entbehrlich?
Tobias Naumann: Die Menschen sind wichtiger denn je. KI-Agenten mögen Entscheidungen vorbreiten, aber Menschen validieren sie und geben sie frei. Wir nennen es das Human-in-the-loop-Prinzip. KI arbeitet auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten und nicht auf der Basis von Evidenz. Sie kann Symptome aufzeigen und daraus wahrscheinliche Ursachen ableiten, aber die tatsächlichen Gründe für eine Entwicklung können ganz andere sein. Weil es im Einzelfall häufig um viel mehr geht als um objektive Wahrheiten.
